Zuletzt dachte ich noch, dass dieses Mal alles anders wird. Doch verlor ich mich in Traumgespinsten, während ich in Gefilde abdriftete, die ich niemals hätte betreten dürfen.
Dunkle Ranken umwucherten jede Windung, jeden Spalt, jeden Atemzug.
Sanft schimmerte der Nebel, der tief über dem Boden zu stehen schien. Er bewegte sich nicht, selbst dann nicht, als ich meine Hand durch das kalte, starre Gebilde strich.
Licht brach sich an den schwarz schimmernden Wänden, hauchte diesem Ort eine unwirkliche Atmosphäre ein, die mich erschaudern ließ.
Der Boden war weich, es war, als würde man über Moos wandeln, doch, es war kein Moos. Es schien so, als ob der Boden atmete. Er pulsierte und ein leises Raunen wehte durch den Raum, bei jedem Pulsschlag.
Es fröstelte mich, obwohl es warm war. Viel zu warm für meinen Geschmack.
Oder war es kalt?
Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper, der Schweiß stand mir auf der Stirn.
Ich wandte den Blick vom Boden ab, strich mir durch das Haar und seufzte. Ein Echo erhalte von allen nur erdenklichen Richtungen wider, bis es sich im Nebel verlor.
Das Raunen verstummte.
Das Pulsieren erstarb.
Erstaunt schaute ich mich um. Es war kalt an diesem Ort. Bitter kalt. Die Angst, trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Die nackte Angst, die mir nun gegenüber stand. Hier, an diesem Ort, der eigentlich gar kein Ort, sondern ein Platz war.
Während ich bedacht einen Fuß vor den Anderen setzte und langsam durch den, noch immer, starren Nebel schritt, erblickten meine Augen Grabsteine. Oder waren es Wegweiser? Aus weißem Kalk gemeißelt steckten sie unwillkürlich in dem toten Boden.
Schief.
Einsam.
Ohne Namen.
Behutsam ging ich auf einen dieser Gebilde zu.
Nun.. Es war fremdartig, es schien eine Art Wärme auszustrahlen, es fühlte sich fast wie Liebe an. Doch anders.
Ich hockte mich vor den weißen Stein und berührte ihn vorsichtig. Er war heiß, voller Leidenschaft. Ein kurzes Flackern schien von ihm auszugehen, in jenem Moment, als ich meine Hand darauf niederließ. Es schien meine Berührung willkommen zu heißen. Ich fragte mich, ob es denken konnte.
Wirre Bilder prasselten auf mich ein.
Ein Sturm der Emotionen rang mich nieder.
Ich musste mich auf dem Boden abstützen, damit ich nicht umgestoßen wurde. Meine Kraft schwand. Es war, als sog ihn der Stein auf. Oder war es der Boden?
Ein Raunen zog durch den Raum, begleitet von Wind. Kaltem, nach tot riechendem Wind. Der Nebel bewegte sich.
Der Nebel.
Gierig umschloss er mich mit seinen kalten Gliedern.
An diesem Ort, der eigentlich gar kein Ort war, schien alles zu leben und gleichzeitig tot zu sein. Er erinnerte mich an mich. So ließ ich es geschehen.
Schweigend schloss ich die Augen und ließ den Nebel mein Selbst umfließen. Bis er mich endlich eingehüllte hatte, vergingen einige Minuten. Oder waren es Stunden? Ich konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Zeit existiert hier verzerrt. Es könnte auch Wochen gewesen sein. Oder nur ein Augenblick.
Jener Augenblick, der mir alles nahm, und alles gab.
Die Kälte verflüssigte sich in meinen Lungen, meinen Adern, meinen Gliedern und in meinem Herzen.
In meinem Kopf.
Wusch alles raus.
All den Dreck.
Eine Reinigung.
Dies musste ein heiliger Ort sein, ich fühlte mich Ewig, während all dies Geschah.
Ewiges Nichts.
Angst, Wut, Trauer, Freude, Gier, Hoffnung, Glück, Lust, Liebe, Licht.
Leben durchfloss mich.
Ich atmete Nebel ein und atmete Nebel aus. Doch zurück in mir blieb Nichts von allem, was dort war. Die Leere ist gefüllt.
Ich öffnete die Augen. Tränen rannen als bald meine Wangen herunter und gefroren auf halbem Wege zu klitzekleinen Eiskristallen.
Ich konnte mich sehen, als ob ich direkt vor mir saß, in einen Spiegel blickend.
So beobachtete ich mich.
Die gefrorenen Tränen brachen von den Wangen und fielen zu Boden. Sie zersplitterten.
Ich sah meine Vergangenheit in jedem der Fragmente. Ein kurzer Moment verging, dann gingen sie in Flammen auf. Vielleicht dauerte es auch länger. Die Zeit hat ihre eigenen Gesetze an diesem Platz.
Ich erhob meine Hand.
Mein Gegenüber weinte unbeeindruckt weiter seine Erinnerungen aus.
Doch kein Spiegelbild.
Ich versuchte nach meinem Selbst zu greifen, doch ich war zu weit weg. Dabei saß ich mir direkt gegenüber. Oder stand ich?
Hatte ich überhaupt einen Körper?
Vielleicht war ich gestorben. Hier an diesem Platz.
Die Kalksteine waren verschwunden, bis auf jenen, den ich berührte. Er war nicht mehr weiß. Gelb. Und er strahlte. Als ob er meine Seele absorbiert hätte. Das Licht, so rein.
Etwas hatte sich noch verändert.
Die Ranken waren fort.
Der Boden und der Nebel pulsierten und atmeten im Rhythmus.
Ein Kreislauf.
Ein System.
Ein Leben.
Erneuerung.
Mein Blick wurde trüber. Die Umgebung verschwommen. Etwas schien meine Augen mit einem Schleier zu bedecken. Oder war ich es?
Es wurde kälter. Die Luft gefror.
Stillstand herrschte von nun an. In jenem Augenblick gefroren Momente. Gedanken verfestigten sich. Die Sicht verstarb und ich konnte keinen meiner Glieder mehr rühren.
Besaß ich in dieser Form überhaupt welche?
Die Stase hatte mich im Griff. Wie einst der Nebel. Der Druck wurde stärker mit der Zeit. Die Kälte unerträglich, es fühlte sich an, als ob ich in Flammen stünde. Ich hörte ein leises knirschen. Es zog sich durch das ganze Gefilde um mich herum.
Risse wurden geboren.
Wurden größer.
Zu Spalten.
Splitter brachen aus mir.
Aus den Wänden.
Dem Boden.
Alles Zerbrach.
Ich war frei.
Um mich herum, Nichts.
Leere.
Ein Raum voller Leere.
Ich blickte an mir herab. Der gewohnte Körper. Das alte Gefühl. Alles beim Alten. So wie immer. Bis auf eine Sache. Das Innerste nach Außen gekehrt. Es war, als wäre ich in mir gefangen. Doch war ich frei.
Hier.
An diesem Platz.
Der ich selbst bin.
Gefangen und verloren.
Belanglos.
Ich schaute mich um. Ein stecknadelgroßer Punkt war über mir. Begab mich auf dem Weg dorthin. Schritt um Schritt ging ich durch die Leere auf den, immer größer werdenden, Punkt zu. Er entwickelte sich langsam, aber stetig, zu einem Spalt. Ich kam an. Die Kälte blieb, mit ihr die Leere.
Ich blickte durch den Spalt und erblickte eine Wiese. Rinde umzog den Spalt. Sie war knorrig, aschgrau und fahl. Sachte legte ich meine Hand auf die Rinde. Sie war kalt. Wie alles andere auch. Der Riss in der Leere war gerade so groß, dass ich mich durchzwängen konnte. Also tat ich dies.
Ich stand vor einem alten, großen Baum. Er trug kein Laub. Es schien, als war er schon lange tot. Doch etwas hielt ihn trotz alle dem am Leben. Er überdauerte die Zeit, den Tod, das Leben.
Um den Baum ergoss sich eine endlose Graslandschaft. Das Gras war ausgeblichen. Der Himmel grau. Keine Wolken waren dort zu sehen. Oder bestand der Himmel aus einer einzigen Wolke?
Ich ging um den Baum herum.
Langsam.
Bedächtig.
Fuß um Fuß.
Er war wahrlich gigantisch.
Seine Rinde war von einer dünnen Staubschicht umzogen. Trotz all der Risse wirkte sie dennoch ganz. Makellos. Als sei sie schon immer so alt und knorrig gewesen. Als gehörte es sich so. Nachdenklich blickte ich an mir herab.
Als gehörte es sich so.
Ich schluckte schwer. Das Atmen fühlte sich plötzlich unmöglich an. Etwas schnürte mir die Brust zu. Ob das die Leere war, die zurück gekommen ist? Aus dem Riss heraus. Mit dem Letztem Atemzug.
War sie überhaupt weg?
Vielleicht.
Ich schloss die Augen. Fühlte Wärme auf meiner nackten Haut. Von innen. Von außen. Weicher Stoff umspielte jedes kleine Haar auf meinem Körper. Schweiß verklebte mir die Beine.
Ich öffnete die Augen. Dunkelheit umgab mich. Es roch gewohnt. Nach meinem Zimmer.
Nur ein Traum.
Ich strich mir über die Arme. Dachte kurz nach. Über nichts bedeutsames. Und spürte die Leere. Der Knoten in meiner Brust.
Das schwarze Nichts.
Der Nebel in meinem Herz.
Die Kälte in meiner Seele.
Die Güte in jeder Faser.
Den Schmerz in jeder Kerbe.
Einsamkeit überkam mich und Tränen rinnen mir über die Wangen. Doch sie gefroren nicht. Sie brannten feuchte Linien in mein Gesicht. Und mit jeder Träne ging eine Erinnerung in Flammen auf. Verzehrte mich in ihrem Feuer.
Als gehörte es sich so.
Ich legte meine Arme neben meinen nassen Körper, den Blick nach oben. Ein leises Raunen floss durch mich hindurch. Ich schloss die Augen. Ließ die Leere gewähren.
Nährte die Einsamkeit.
Umspielte das Nichts mit meinen Gedanken.
Beschrieb den letzten Stein mit meinem Namen.
Und ertrank in meinem Ich.
Endlos.